Sieben Gigafactories für über 30 Milliarden Euro
Die EU antwortet auf Cisco und Südkorea – mit Gigafactories, einem Souveränitätspaket und einer unbequemen Umfrage
Innerhalb weniger Tage haben drei Ereignisse denselben Nerv getroffen: Cisco hat 90.000 Mitarbeitern einen persönlichen KI-Agenten gegeben, Südkorea hat seinen 52 Millionen Bürgern staatlich kontrollierten KI-Zugang versprochen – und die EU-Kommission hat bereits Ende Juli die Ausschreibung für bis zu sieben „KI-Gigafactories“ eröffnet, um genau jene Rechenkapazität aufzubauen, die eine europäische Antwort auf beide Modelle erst möglich machen würde. Ob Zufall oder nicht: Alle drei Ereignisse drehen sich um dieselbe Frage – wer baut und kontrolliert die Infrastrukturschicht, über die KI in einer Organisation oder einem Land überhaupt läuft?
Wir haben es in unserem letzten Beitrag ausführlich beschrieben: Cisco hat mit „MyAgent“ und der dahinterliegenden Plattform „Circuit“ eine eigene Vermittlungsschicht gebaut, die automatisch entscheidet, welches KI-Modell für welche Aufgabe zum Einsatz kommt – mit klarer Kostenlogik (der Großteil der Anfragen läuft über günstige Open-Weight-Modelle oder reine Software-Automatisierung) und einem Policy-Server, der verhindert, dass Unternehmensdaten zum Training fremder Modelle verwendet werden. Südkorea baut dieselbe Logik auf Staatsebene: eine eigene, aus drei Konsortien bestehende KI-Schicht für alle Bürger, mit dem erklärten Ziel, digitale Souveränität gegenüber den USA und China zu behaupten. Beide Beispiele laufen auf denselben Kern hinaus: KI wird nicht mehr eingekauft, sondern als eigene, kontrollierte Infrastruktur betrieben.
Die EU steht vor derselben Frage – nur auf einer viel größeren, politisch komplizierteren Ebene: Kann ein ganzer Staatenverbund diese Vermittlungsschicht selbst bauen?
Am 30. Juli 2026 hat die Europäische Kommission die Ausschreibung für bis zu sieben „KI-Gigafactories“ in der EU eröffnet – Rechenzentren, die jeweils mit mehr als 100.000 KI-Beschleunigern ausgestattet sein müssen, etwa das Vierfache der bisherigen „AI Factories“ mit rund 25.000 Chips. Das Finanzierungsmodell: bis zu 10 Milliarden Euro aus öffentlichen Mitteln, je zur Hälfte von der Kommission und von den Mitgliedstaaten, die die Anlagen beherbergen. Damit sollen mindestens 20 Milliarden Euro an privaten Investitionen mobilisiert werden – macht zusammen über 30 Milliarden Euro.
Der Zeitplan ist ambitioniert: Bewerbungsschluss ist der 12. November 2026, die Förderentscheidungen werden für Anfang 2027 erwartet, der Bau soll noch im selben Jahr beginnen. Die ersten Anlagen sollen spätestens 18 Monate nach Vertragsunterzeichnung – realistisch also Mitte 2028 – betriebsbereit sein. Zehn Länder haben bereits Interesse an einem Standort angemeldet, Deutschland an vorderster Stelle; aus deutscher Seite bewerben sich unter anderem die Schwarz-Tochter Schwarz Digits, die Deutsche Telekom und IONOS.
„Die Ausschreibung für die KI-Gigafactories stellt einen Meilenstein für unsere Ambitionen im Rahmen des KI-Kontinents dar.“ — Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der EU-Kommission für technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie
Die Gigafactories sind nur ein Baustein eines deutlich größeren Vorhabens: Bereits am 3. Juni 2026 hatte die Kommission ihr „Europäisches Technologie-Souveränitätspaket“ vorgestellt – vier zentrale Initiativen zu Halbleitern, Cloud-Computing, Künstlicher Intelligenz und Open-Source-Software, ergänzt um einen Fokus auf Energie-Digitalisierung. Kernstück ist der „Cloud and AI Development Act“ (CADA): ein vierstufiges Souveränitäts-Rahmenwerk, das festlegt, welche Cloud-Dienste sensible Aufgaben für den öffentlichen Sektor und kritische Infrastrukturen überhaupt übernehmen dürfen.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen begründete den Schritt unmissverständlich:
„Wir können es uns nicht leisten, bei den Technologien, die unsere Krankenhäuser am Laufen halten, unsere Energienetze stabil und unsere Dienste sicher machen, von anderen abhängig zu sein.“ — Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission
Wie groß die Abhängigkeit tatsächlich ist, zeigt eine Zahl, die Technologiekommissarin Virkkunen selbst nennt: Rund 80 Prozent der in Europa genutzten Technologien stammen von außerhalb des Kontinents. Ihre eigene Einschätzung zum Zeithorizont ist entsprechend nüchtern – signifikante Ergebnisse seien frühestens ab 2030 zu erwarten. Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Die Vorschläge waren ursprünglich für März 2026 angekündigt, wurden aber mehrfach verschoben, und der Gesetzgebungsprozess mit Verhandlungen zwischen Mitgliedstaaten und Europaparlament dürfte noch Monate dauern.
Ob die politische Souveränitäts-Ambition auch wirtschaftlich getragen wird, zeigt der „Cloud Report 2026“ des Digitalverbands Bitkom, für den 603 deutsche Unternehmen ab 20 Beschäftigten befragt wurden – und die Zahlen sind widersprüchlich:
Die Botschaft ist doppelt: Der Wunsch nach Souveränität ist da und wächst sogar – aber er bleibt bislang mehrheitlich Lippenbekenntnis, weil viele Unternehmen entweder keine passende Alternative finden oder nicht bereit sind, dafür draufzuzahlen. Genau in dieser Lücke – zwischen politischem Willen und wirtschaftlicher Realität – bewegt sich die gesamte europäische KI-Souveränitätsdebatte.
Verglichen mit Cisco und Südkorea steht Europa vor einer ungleich schwierigeren Ausgangslage: Ein Konzern trifft eine Entscheidung und setzt sie in Monaten um. Ein Staat wie Südkorea kann drei nationale Konzerne beauftragen. Die EU dagegen muss 27 Mitgliedstaaten, ihren mehrjährigen Finanzrahmen und ein Parlament unter einen Hut bringen – ein struktureller Nachteil, den auch Virkkunen implizit einräumt, wenn sie von „keine Ergebnisse über Nacht“ spricht.
Aus unserer Sicht ergeben sich daraus einige Ansatzpunkte, die über die bereits laufenden Programme hinausgehen:
Dafür spricht
Dagegen spricht
Cisco und Südkorea haben in wenigen Wochen gezeigt, was technisch und organisatorisch möglich ist, wenn eine einzelne Organisation entschlossen handelt. Europa hat mit den Gigafactories und dem Tech-Souveränitätspaket die richtigen Fragen gestellt und beachtliche Summen mobilisiert – aber der eigene Zeitplan und die Bitkom-Zahlen machen deutlich, dass zwischen Ambition und Umsetzung noch ein weiter Weg liegt. Ob Europa bis 2030 tatsächlich eine eigene, wettbewerbsfähige KI-Infrastrukturschicht betreibt oder weiterhin überwiegend fremde Modelle nutzt, dürfte sich an genau der Frage entscheiden, die der Bitkom-Report offenlegt: ob aus dem wachsenden Wunsch nach Souveränität auch eine wachsende Bereitschaft wird, dafür zu bezahlen.
IntelligenceOnChip · oteeAI.de · Otmar Cürten, Founder Markt&Technik (KI-unterstützt recherchiert und redaktionell zusammengestellt)
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