Teil 1 dieser Serie hat fünf Technologiefelder nach Reifegrad geordnet. Diese Ausgabe stellt die eigentlich entscheidende Frage: Nicht „wer ist heute vorne“, sondern „wer holt wie schnell auf“. Genau dieser Unterschied hat die deutsche Automobilindustrie kalt erwischt – bei Verbrennermotoren lag Deutschland jahrzehntelang vorn, bei der Geschwindigkeit des Wechsels zu Batterietechnologie nicht.
Der konkreteste Beleg aus dem Innovationsradar: Bei Leistungshalbleitern (SiC) kamen im ersten Quartal 2026 laut dem Patentanalyse-Unternehmen KnowMade 290 von rund 460 neuen Patentveröffentlichungen aus China – in einem Feld, das Infineon, Bosch und STMicroelectronics noch als ihre Domäne betrachten. Patentvolumen ist dabei kein Randindikator, sondern der frühestmögliche Blick in die Zukunft: Anmeldungen laufen der Marktreife typischerweise zwei bis drei Jahre voraus.
Eine Ist-Stand-Aufnahme („wer ist heute Marktführer“) ist die Momentaufnahme, die beim Automobil-Batterie-Fiasko genau in die Irre geführt hat: 2019 hätte eine solche Aufnahme deutsche und japanische Zellhersteller noch vorn gesehen. Die Geschwindigkeit, mit der sich das änderte, war in den Patentanmeldungen der Jahre davor bereits sichtbar – nur wurde kaum systematisch hingeschaut.
Die folgende Tabelle stellt deshalb nicht nur den heutigen Stand gegenüber, sondern schätzt zusätzlich das Aufholtempo Chinas pro Feld ein – auf Basis der im Innovationsradar dokumentierten Patent- und Skalierungsdaten:
| Technologiefeld | Europa | China – Tempo | USA |
|---|---|---|---|
| Leistungselektronik SiC/GaN | Führend (Infineon, Bosch, Dresden-Fab) | ▲▲ Sehr hoch (63 % der SiC-Patente Q1/2026, 70 % der GaN-Erfindungen Q3/2025) | Stark bei vGaN (onsemi) |
| Batteriechemie / Festkörper | Schwach sichtbar, kein Serien-Champion | ▲▲ Sehr hoch (GWh-Skalierung bereits 2026, CATL-Weltmarktanteil 39,2 %) | Nischen-Vorreiter (ION Storage) |
| Advanced Packaging / 3D | Prozessforschung führend (Fraunhofer) | ▲ Moderat, aufholend | Führend (Intel, IBM, Illinois) |
| Logik-Prozessknoten <2 nm | Abgehängt, keine führende Foundry | – Eingeschränkt (Exportkontrollen) | Führend (IBM-Forschung, Intel 18A) + TSMC |
| Sensorik (Quanten/optisch/chemisch) | Führend bei Spin-offs (Sorex/Cambridge) | ▲ Wachsend | Führend in Grundlagenforschung (Waterloo, UConn) |
| Drohnen-Hardware | Präsent (Intelligent Energy, UK) | ▲▲ Sehr hoch (Reichweite & Miniaturisierung) | Verteidigungsfokus |
Genau diese Kombination (Europa/USA noch vorn, China aber mit dem stärksten Tempo) ist die Konstellation, die 2019 bei Batterien vorlag.
Aus den Batterie- und Leistungshalbleiter-Daten im Innovationsradar lässt sich ein grobes, aber praktisch nutzbares Muster ableiten: Sobald in einem Feld zwei aufeinanderfolgende Quartale mehr als die Hälfte der neuen Patentveröffentlichungen aus einer Region stammen, UND gleichzeitig mindestens ein Anbieter aus dieser Region eine Serienfertigung im industriellen Maßstab ankündigt (nicht nur Pilotproduktion), ist der Kipppunkt erreicht. Bei SiC/GaN ist die erste Bedingung nach den KnowMade-Daten bereits erfüllt – die zweite (Serienfertigung im GWh- bzw. Wafer-Maßstab) noch nicht flächendeckend. Das ist das Zeitfenster, in dem Gegenmaßnahmen noch wirken.
Sie brauchen dafür kein kostenpflichtiges Analyse-Tool – die wichtigsten Patentdatenbanken sind kostenlos zugänglich. Der folgende Ablauf lässt sich mit einem Nachmittag Einarbeitung selbst durchführen und danach als feste Routine wiederholen.
🔴 Nutzen für Management
Ein objektivierbarer Frühwarn-Schwellenwert (zwei Quartale >50 % Patentanteil plus Serienfertigungs-Ankündigung) statt eines Bauchgefühls, wann eine strategische Reaktion nötig wird.
🔴 Nutzen für Einkauf & Distribution
Eine Methode, um das eigene Lieferanten-Portfolio regelmäßig gegen die Patentlandschaft zu prüfen, statt sich allein auf Messebesuche und Vertriebsgespräche der bestehenden Lieferanten zu verlassen.
🔴 Nutzen für Entwickler
Ein Werkzeug, um vor einer eigenen Patentanmeldung oder Design-Entscheidung selbst zu prüfen, ob im relevanten Feld bereits eine Anmeldungswelle läuft, die Lizenzrisiken oder Alternativlösungen nahelegt.
🔴 Nutzen für Vertrieb & FAE
Ein sachliches Argument in Kundengesprächen, warum ein bestimmter Lieferant oder eine bestimmte Technologie jetzt (oder noch nicht) empfehlenswert ist – belegt statt behauptet.
Was die Geschäftsführung jetzt tun kann
Für mindestens ein strategisch wichtiges Technologiefeld (z. B. SiC/GaN oder Batteriechemie) selbst eine erste Patent-Trendrecherche nach dem Sechs-Schritte-Ablauf durchführen oder durchführen lassen – als Testlauf, bevor daraus eine dauerhafte Routine wird.
Was das Unternehmen ermöglichen muss
Patentrecherche als wiederkehrende, budgetierte Aufgabe statt Einzelaktion verankern – mit klarer Zuständigkeit, ob das intern (Einkauf, Technologie-Scouting) oder über einen externen Patentmonitor erfolgt.
Auch hier gilt: ein Tool, das konkret an den in diesem Beitrag beschriebenen Prozess anschließt, statt mehrerer loser Prompts.
Anwendungsfall: Eine aus Espacenet oder Google Patents exportierte Trefferliste (Anmelder, Land, Anmeldejahr) auf Muster und Auffälligkeiten prüfen lassen, ohne sie manuell durchzählen zu müssen.
Schritt-für-Schritt-Anleitung für den Leser:
1. Hier ist eine Liste von Patentanmeldungen mit Anmelder, Land und
Anmeldejahr: [Tabelle einfügen].
2. Fasse zusammen, wie sich der Anteil der Anmeldungen je Land über
die Zeit entwickelt hat.
3. Weise auf einzelne Anmelder hin, die auffällig viele Anmeldungen
in kurzer Zeit gestellt haben.
4. Berücksichtige, dass Anmeldungen der letzten 18 Monate wegen der
Publikationsverzögerung unvollständig sind, und weise explizit
darauf hin, wenn ein scheinbarer Rückgang darauf zurückzuführen
sein könnte.
5. Schlage vor, welche zwei oder drei Anmelder eine tiefere manuelle
Prüfung wert wären.
Nutzen: Schnelle, nachvollziehbare Trendauswertung einer Patent-Trefferliste – als Diskussionsgrundlage für die Geschäftsführung, nicht als automatisierte Entscheidung.
Der KI-Soforttest (ca. 20 Minuten): Eine kleine Espacenet-Recherche zu einem für Sie relevanten Feld durchführen, die Trefferliste exportieren und durch den Prompt laufen lassen.
Zu erwartendes Ergebnis: Eine Einschätzung der Länder-/Anmelder-Verteilung über die Zeit, ein Hinweis auf den Publikationsverzug sowie zwei bis drei Anmelder, die eine vertiefte manuelle Prüfung wert sind.
Jeder Prompt/Agent ist jetzt mit einem Label gekennzeichnet, das seine Stufe im Reifegrad kennzeichnet. Hilft den KI-Lernfortschritt einzuordnen.
IntelligenceOnChip · oteeAI.de · Otmar Cürten, Founder Markt&Technik (KI-unterstützt recherchiert und redaktionell zusammengestellt)
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