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IntelligenceOnChip · Angewandt&Verstanden
Serie: Innovationsradar Elektronikbranche 2025/26 · Teil 2 von 4
Halbleiter
Leistungselektronik
Verteidigungstechnik
27. August 2026

Teil 2: Die Geschwindigkeitsdifferenz – wer beim Tempo wirklich vorne liegt

IntelligenceOnChip · 27. August 2026 · Themen: Angewandt&Verstanden, Technologie-Frühwarnung, Patentanalyse, Standortvergleich

Zielgruppen: Geschäftsführung (Schwerpunkt) · Einkauf & Distribution · Embedded & Entwicklung · Vertrieb & FAE

Quellen: IntelligenceOnChip-Recherchebericht „Innovationsradar Elektronikbranche 2025/2026“ (eigenrecherchiert, u.a. KnowMade, SNE Research, Infineon, EPA/DPMA/WIPO-Datenbanken) · Recherchestand: 22. August 2026 · Land: DE / EU / USA / China

von Otmar Cürten, Founder Markt&Technik

Teil 1 dieser Serie hat fünf Technologiefelder nach Reifegrad geordnet. Diese Ausgabe stellt die eigentlich entscheidende Frage: Nicht „wer ist heute vorne“, sondern „wer holt wie schnell auf“. Genau dieser Unterschied hat die deutsche Automobilindustrie kalt erwischt – bei Verbrennermotoren lag Deutschland jahrzehntelang vorn, bei der Geschwindigkeit des Wechsels zu Batterietechnologie nicht.

IntelligenceOnChip · Innovationsradar Teil 2 — ein Manager blickt auf eine große Weltkarte mit leuchtenden Innovationsclustern
Quelle: Claude/ChatGPT KI-erstellt.

Der konkreteste Beleg aus dem Innovationsradar: Bei Leistungshalbleitern (SiC) kamen im ersten Quartal 2026 laut dem Patentanalyse-Unternehmen KnowMade 290 von rund 460 neuen Patentveröffentlichungen aus China – in einem Feld, das Infineon, Bosch und STMicroelectronics noch als ihre Domäne betrachten. Patentvolumen ist dabei kein Randindikator, sondern der frühestmögliche Blick in die Zukunft: Anmeldungen laufen der Marktreife typischerweise zwei bis drei Jahre voraus.

Warum Tempo wichtiger ist als Ist-Stand

Eine Ist-Stand-Aufnahme („wer ist heute Marktführer“) ist die Momentaufnahme, die beim Automobil-Batterie-Fiasko genau in die Irre geführt hat: 2019 hätte eine solche Aufnahme deutsche und japanische Zellhersteller noch vorn gesehen. Die Geschwindigkeit, mit der sich das änderte, war in den Patentanmeldungen der Jahre davor bereits sichtbar – nur wurde kaum systematisch hingeschaut.

Die folgende Tabelle stellt deshalb nicht nur den heutigen Stand gegenüber, sondern schätzt zusätzlich das Aufholtempo Chinas pro Feld ein – auf Basis der im Innovationsradar dokumentierten Patent- und Skalierungsdaten:

TechnologiefeldEuropaChina – TempoUSA
Leistungselektronik SiC/GaN Führend (Infineon, Bosch, Dresden-Fab) ▲▲ Sehr hoch (63 % der SiC-Patente Q1/2026, 70 % der GaN-Erfindungen Q3/2025) Stark bei vGaN (onsemi)
Batteriechemie / Festkörper Schwach sichtbar, kein Serien-Champion ▲▲ Sehr hoch (GWh-Skalierung bereits 2026, CATL-Weltmarktanteil 39,2 %) Nischen-Vorreiter (ION Storage)
Advanced Packaging / 3D Prozessforschung führend (Fraunhofer) ▲ Moderat, aufholend Führend (Intel, IBM, Illinois)
Logik-Prozessknoten <2 nm Abgehängt, keine führende Foundry – Eingeschränkt (Exportkontrollen) Führend (IBM-Forschung, Intel 18A) + TSMC
Sensorik (Quanten/optisch/chemisch) Führend bei Spin-offs (Sorex/Cambridge) ▲ Wachsend Führend in Grundlagenforschung (Waterloo, UConn)
Drohnen-Hardware Präsent (Intelligent Energy, UK) ▲▲ Sehr hoch (Reichweite & Miniaturisierung) Verteidigungsfokus
Lesehinweis: ▲▲ markiert Felder, in denen Chinas Aufholtempo laut den im Innovationsradar dokumentierten Quellen am höchsten eingeschätzt wird – nicht, weil China dort bereits führt, sondern weil die Differenz zwischen heutigem Status und Trendrichtung dort am größten ist.

Genau diese Kombination (Europa/USA noch vorn, China aber mit dem stärksten Tempo) ist die Konstellation, die 2019 bei Batterien vorlag.

Der Kipppunkt: Wann aus Aufholen Überholen wird

Aus den Batterie- und Leistungshalbleiter-Daten im Innovationsradar lässt sich ein grobes, aber praktisch nutzbares Muster ableiten: Sobald in einem Feld zwei aufeinanderfolgende Quartale mehr als die Hälfte der neuen Patentveröffentlichungen aus einer Region stammen, UND gleichzeitig mindestens ein Anbieter aus dieser Region eine Serienfertigung im industriellen Maßstab ankündigt (nicht nur Pilotproduktion), ist der Kipppunkt erreicht. Bei SiC/GaN ist die erste Bedingung nach den KnowMade-Daten bereits erfüllt – die zweite (Serienfertigung im GWh- bzw. Wafer-Maßstab) noch nicht flächendeckend. Das ist das Zeitfenster, in dem Gegenmaßnahmen noch wirken.

Patentrecherche für Elektronikanmeldungen: So geht es

Sie brauchen dafür kein kostenpflichtiges Analyse-Tool – die wichtigsten Patentdatenbanken sind kostenlos zugänglich. Der folgende Ablauf lässt sich mit einem Nachmittag Einarbeitung selbst durchführen und danach als feste Routine wiederholen.

Die relevanten Datenbanken

Der Ablauf in sechs Schritten

  1. Technologiefeld eingrenzen und die passende Patentklasse identifizieren. Elektronik nutzt die IPC-/CPC-Klassifikation, z. B. H01L für Halbleiterbauelemente, H01M für Batterien und Brennstoffzellen, H01Q für Antennen, G01 für Messtechnik/Sensoren, H05K für Leiterplatten, B64U für unbemannte Luftfahrzeuge. Die Klassifikationssuche in Espacenet hilft, die richtige(n) Klasse(n) zu finden, wenn Sie nur ein Stichwort haben.
  2. In Espacenet oder DEPATISnet nach Klasse plus Schlüsselwörtern suchen und den Zeitraum eingrenzen (z. B. „letzte 24 Monate“). Kombinieren Sie Klassifikation und Freitext – reine Stichwortsuche übersieht viele relevante Anmeldungen, reine Klassensuche liefert oft zu viel Rauschen.
  3. Das Feld „Anmelder“ (Applicant) auswerten, nicht nur die Trefferzahl. Espacenet erlaubt eine Sortierung/Filterung nach Anmelder und Anmelderland – das zeigt, ob Anmeldungen von wenigen forschungsstarken Unternehmen oder breit über viele Akteure einer Region verteilt sind.
  4. Die Anmeldungen pro Quartal oder Jahr in eine einfache Zeitreihe bringen. Google Patents bietet dafür eine eingebaute Trenddarstellung; alternativ lassen sich Espacenet-Trefferlisten exportieren und in einer Tabelle nach Anmeldejahr gruppieren.
  5. Den 18-Monats-Publikationsverzug einkalkulieren. Patentanmeldungen werden in der Regel erst 18 Monate nach dem Prioritätsdatum veröffentlicht – die Daten der letzten anderthalb Jahre sind also grundsätzlich unvollständig und werden rückwirkend noch wachsen. Ein scheinbarer „Rückgang“ im aktuellsten Quartal ist meist ein Veröffentlichungsverzug, kein echter Trend.
  6. Ergebnisse KI-gestützt einordnen lassen. Rohe Trefferlisten sind sperrig – hier lohnt sich der Einsatz eines KI-Modells, um Muster, Cluster und auffällige Anmelder-Häufungen aus einer exportierten Trefferliste herauszuarbeiten (siehe Toolbox unten).
Wichtige Einschränkung: Ein hohes Patentvolumen ist ein Frühindikator für F&E-Aktivität, keine Garantie für Marktrelevanz. Manche Anmeldungen sind strategisches „Portfolio-Padding“ ohne Umsetzungsabsicht. Die Auswertung ersetzt nicht die fachliche Einschätzung, ob ein Patentcluster tatsächlich fertigungsrelevant ist.

Nutzen nach Rolle

🔴 Nutzen für Management

Ein objektivierbarer Frühwarn-Schwellenwert (zwei Quartale >50 % Patentanteil plus Serienfertigungs-Ankündigung) statt eines Bauchgefühls, wann eine strategische Reaktion nötig wird.

🔴 Nutzen für Einkauf & Distribution

Eine Methode, um das eigene Lieferanten-Portfolio regelmäßig gegen die Patentlandschaft zu prüfen, statt sich allein auf Messebesuche und Vertriebsgespräche der bestehenden Lieferanten zu verlassen.

🔴 Nutzen für Entwickler

Ein Werkzeug, um vor einer eigenen Patentanmeldung oder Design-Entscheidung selbst zu prüfen, ob im relevanten Feld bereits eine Anmeldungswelle läuft, die Lizenzrisiken oder Alternativlösungen nahelegt.

🔴 Nutzen für Vertrieb & FAE

Ein sachliches Argument in Kundengesprächen, warum ein bestimmter Lieferant oder eine bestimmte Technologie jetzt (oder noch nicht) empfehlenswert ist – belegt statt behauptet.

Zwei-Perspektiven-Schluss

Was die Geschäftsführung jetzt tun kann

Für mindestens ein strategisch wichtiges Technologiefeld (z. B. SiC/GaN oder Batteriechemie) selbst eine erste Patent-Trendrecherche nach dem Sechs-Schritte-Ablauf durchführen oder durchführen lassen – als Testlauf, bevor daraus eine dauerhafte Routine wird.

Was das Unternehmen ermöglichen muss

Patentrecherche als wiederkehrende, budgetierte Aufgabe statt Einzelaktion verankern – mit klarer Zuständigkeit, ob das intern (Einkauf, Technologie-Scouting) oder über einen externen Patentmonitor erfolgt.

Ihre KI-Toolbox für diese Nachricht

Auch hier gilt: ein Tool, das konkret an den in diesem Beitrag beschriebenen Prozess anschließt, statt mehrerer loser Prompts.

Stufe 2 · Kontext-Prompt
🔴 Quick-Check-Prompt für Management & Einkauf

„Der Patent-Trend-Radar“

CEO & Manager

Anwendungsfall: Eine aus Espacenet oder Google Patents exportierte Trefferliste (Anmelder, Land, Anmeldejahr) auf Muster und Auffälligkeiten prüfen lassen, ohne sie manuell durchzählen zu müssen.

Schritt-für-Schritt-Anleitung für den Leser:

  1. Führen Sie die Patentrecherche wie oben beschrieben durch und exportieren Sie die Trefferliste (Anmelder, Anmelderland, Anmeldejahr) als Tabelle.
  2. Kopieren Sie den untenstehenden Prompt in ein KI-Modell Ihrer Wahl und fügen Sie die Tabelle ein.
  3. Prüfen Sie auffällige Cluster stichprobenartig gegen die Originaldaten in Espacenet, bevor Sie daraus eine Schlussfolgerung ziehen.
Der Prompt zum Kopieren
1. Hier ist eine Liste von Patentanmeldungen mit Anmelder, Land und
   Anmeldejahr: [Tabelle einfügen].
2. Fasse zusammen, wie sich der Anteil der Anmeldungen je Land über
   die Zeit entwickelt hat.
3. Weise auf einzelne Anmelder hin, die auffällig viele Anmeldungen
   in kurzer Zeit gestellt haben.
4. Berücksichtige, dass Anmeldungen der letzten 18 Monate wegen der
   Publikationsverzögerung unvollständig sind, und weise explizit
   darauf hin, wenn ein scheinbarer Rückgang darauf zurückzuführen
   sein könnte.
5. Schlage vor, welche zwei oder drei Anmelder eine tiefere manuelle
   Prüfung wert wären.

Nutzen: Schnelle, nachvollziehbare Trendauswertung einer Patent-Trefferliste – als Diskussionsgrundlage für die Geschäftsführung, nicht als automatisierte Entscheidung.

🔒 So behalten Sie die Kontrolle über Ihre Daten
Datensensitivität:Unkritisch – Patentdaten aus öffentlichen Ämterdatenbanken sind per Definition veröffentlicht.
Empfohlene Schutzstufe:Cloud-Modell uneingeschränkt nutzbar, solange nur öffentliche Patentdaten eingegeben werden.
Kontroll-Check vor dem Absenden:
  • Enthält die Tabelle wirklich nur öffentliche Patentdaten – keine eigenen internen Einschätzungen oder unveröffentlichten Anmeldungen Ihres Unternehmens?
  • Wird das KI-Ergebnis als Diskussionsgrundlage behandelt, nicht als abschließende strategische Bewertung?
Randbedingungen: Eine dauerhafte, mehrere Technologiefelder umfassende Patentbeobachtung lohnt sich für Unternehmen mit eigener Produktentwicklung meist ab einer gewissen F&E-Investitionsgröße; darunter reicht die punktuelle Recherche vor größeren Entscheidungen (Lieferantenwahl, Technologiewechsel) ohne feste Routine. Kostenpflichtige Patentmonitore (KnowMade, PatSnap u. a.) lohnen sich erst, wenn die manuelle Recherche mehr als wenige Stunden im Monat beansprucht.

Der KI-Soforttest (ca. 20 Minuten): Eine kleine Espacenet-Recherche zu einem für Sie relevanten Feld durchführen, die Trefferliste exportieren und durch den Prompt laufen lassen.

Zu erwartendes Ergebnis: Eine Einschätzung der Länder-/Anmelder-Verteilung über die Zeit, ein Hinweis auf den Publikationsverzug sowie zwei bis drei Anmelder, die eine vertiefte manuelle Prüfung wert sind.

Reifegrad-Label für Tool-Box

Jeder Prompt/Agent ist jetzt mit einem Label gekennzeichnet, das seine Stufe im Reifegrad kennzeichnet. Hilft den KI-Lernfortschritt einzuordnen.

Die Serie Innovationsradar Elektronik 2025/26: So geht es weiter


Quellen / Verifikation

IntelligenceOnChip · oteeAI.de · Otmar Cürten, Founder Markt&Technik (KI-unterstützt recherchiert und redaktionell zusammengestellt)

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