Standpunkt · Blick über den Atlantik · Teil 1 von 2: Warum Strom zum Engpass wird

KI-Rechenzentren: Strom entscheidet über den Standort

Damit Du Risiken und Chancen für Dein Geschäft erkennst

Von Otmar Cürten · 19. Oktober 2026

Amerikanische KI-Rechenzentren und ein deutsches Rechenzentrum, verbunden über den Atlantik
Ohne eigene große Rechenzentren bleibt Deutschland Kunde der US-Konzerne. Bezahlbarer Strom, schnellere Netzanschlüsse und mindestens eine EU-Gigafabrik ist notwendig

Ein Beitrag der New York Times hat mich inspiriert: KI verschlingt Strom. Ich prüfe, wo Deutschland steht, wer in der Elektronik profitiert und was das für Dich als KI-Anwender bedeutet.

Reifegrad der Situation: Markt im Aufbau – die meisten Zahlen sind Prognosen und Schätzungen (Stand 17.10.2026)

Mein Rat an Dich

In meinen Berufsjahren waren amerikanische Businesserfahrungen und -Entwicklungen immer Vorbild und richtungsweisend. Nicht zuletzt Grund, warum ich 25 Jahre in Kalifornien gelebt habe. Man lernt und erlebt dort, wie schnell die USA Business und Infrastruktur hochziehen, wenn es um etwas geht. Und bei KI geht es um alles. Man will besser, schneller sein als China. Beim KI-Training holen wir Deutsche diesen Vorsprung nicht mehr ein. Das muss uns aber nicht lähmen.

Was in den USA gerade diskutiert wird

Die New York Times hat am 15. Oktober vorgerechnet, warum KI so viel Strom braucht. Ihre Kernthese: Die Branche setzt auf rohe Rechenkraft, und jede Modellgeneration verlangt ein Vielfaches an Rechenoperationen.

Der Inhalt zusammengefasst:

Die Kernaussagen:

Die wichtigsten Zahlen aus dem Beitrag:

Mein Faktencheck: Was stimmt, was ist vereinfacht

Die Rechnung der NYT ist sauber, an einer Stelle aber zu bequem. Ich habe die Zahlen nachrechnen lassen.

Aussage der NYTMein Urteil
Ein H100 bräuchte 64.000 Jahre, 100.000 H100 rund 8 MonateStimmt. Nachgerechnet: 64.000 Jahre und 7,7 Monate bei 50 % der Spitzenleistung.
Training ist ein einmaliger KostenblockVereinfacht. Pro Modell ja. Aber jedes Jahr kommt eine neue Generation, dazu Nachtraining und Feinschliff.
Die Nutzung wird zum KostentreiberStimmt, und das ist der Kern. Schätzungen sehen 80 bis 90 % der KI-Rechenleistung bei der Nutzung.
Nur Wind und Sonne reichen nicht mehrFür die USA plausibel. In Deutschland verlangt das Gesetz trotzdem Ökostrom. Das verteuert, macht es aber nicht unmöglich, wohl aber schwer kalkulierbar.

Was heißt das in Strom? Ich habe eine grobe Schätzung machen lassen. 100.000 H100 ziehen samt Servertechnik und Kühlung rund 126 Megawatt. Acht Monate Training ergeben etwa 0,74 Terawattstunden.

Das sind fast 4 % dessen, was alle deutschen Rechenzentren in einem Jahr verbrauchen. Für ein einziges Modell.

Und der deutsche Vergleich? Die neue KI-Fabrik der Telekom in München läuft mit rund 10.000 Blackwell-Chips. Für dasselbe Training bräuchte sie nach meiner Schätzung knapp drei Jahre. Bis dahin wäre das Modell veraltet.

Meine Bewertung: Das Training ist der Spitzenverbraucher, die Nutzung aber der Dauerverbraucher. Beides wächst. Wer nur auf Training schaut, unterschätzt den zukünftigen Strombedarf.

Quellen: arXiv-Übersicht zu Inference-Anteilen · AIMultiple · Telekom Industrial AI Cloud

Wo Deutschland steht

Deutschland ist Europas größter Rechenzentrumsstandort, aber gegen die USA ein Zwerg. Die zehn größten US-Rechenzentren leisten zusammen so viel wie alle rund 2.000 in Deutschland.

KennzahlDeutschlandUSA
Leistung heute2.980 MW (2025)rund 48.000 MW (2024)
Ziel 2030über 5.000 MWrund 95.000 MW

Strom ist der Engpass. Er macht 40 bis 50 % der Betriebskosten eines Rechenzentrums aus. Industriestrom kostete Ende 2025 in Deutschland rund 23 Cent je kWh, in Schweden knapp 10 und in Finnland rund 7 Cent. Gegenüber den USA zahlen deutsche Betreiber laut Branchenaussagen das Zwei- bis Dreifache.

Der Verbrauch wächst: Sein Anteil am deutschen Strom dürfte sich bis 2037 etwa verdreifachen. Rechenzentren ziehen heute 3,5 bis 4 % des deutschen Stroms, also 20 bis 26 TWh. Die Bundesnetzagentur erwartet bis 2037 rund 10 %.

Die Politik hat reagiert. Seit März 2026 gibt es eine nationale Rechenzentrumsstrategie: Kapazität bis 2030 verdoppeln, KI-Leistung vervierfachen. Kritiker bemängeln, dass verbindliche Schritte beim Netzanschluss fehlen.

Ein Blick über den Atlantik relativiert: Auch in den USA wird Strom knapp. Im größten Netzgebiet PJM haben Rechenzentren in den letzten vier Kapazitätsauktionen rund 29 Milliarden Dollar Mehrkosten verursacht. Die zahlen am Ende Haushalte und Industrie.

Quellen: Bitkom zur Rechenzentrumsstrategie · cio.de · KPMG · Computerwoche · cloudmagazin · Rechenzentrumsstrategie, Bundestag · energate · techstrong.it zu PJM

Rechnen im Ausland: Skandinavien, Golfstaaten, EU-Gigafabriken

Mein Fazit: Training dorthin, wo der Strom billig ist, am besten in den Norden Europas. Die Nutzung mit sensiblen Daten bleibt hier.

KPMG bringt es auf den Punkt: Wer deutsche Firmen- und Behördendaten verarbeitet, muss hier präsent sein. Beim latenzunempfindlichen Training verliert Deutschland dagegen systematisch.

OptionWas dafür sprichtWas dagegen spricht
SkandinavienBilliger Ökostrom, kühles Klima, EU-Recht mit DSGVONetze und Glasfaser müssen mitwachsen
GolfstaatenRiesige Projekte, z. B. 5 GW in Abu Dhabi, viel SonneKriegsrisiko, kein DSGVO-Angemessenheitsbeschluss
EU-GigafabrikenSouverän, gefördert, je über 100.000 KI-ChipsEntscheidung erst Anfang 2027, Betrieb ab etwa 2028

Golfstaaten: Warum ich skeptisch bin. Die Idee klingt logisch, Sonne gibt es dort genug. Doch im März trafen iranische Drohnen AWS-Rechenzentren in den VAE und Bahrain. Banken- und Zahlungsdienste fielen aus. Für Deine Firmendaten ist das kein Standort, für anonymes Training vielleicht.

Skandinavien: Die naheliegende Lösung. Microsoft, Google und Mistral AI bauen bereits dort, weil Europas Kernmärkte an Netzgrenzen stoßen. Für Training ist die Entfernung kein Problem.

EU-Gigafabriken: Die Chance, die Deutschland nicht verspielen darf. Die Ausschreibung läuft bis zum 12. November 2026. Deutschland tritt zersplittert an, seit das gemeinsame Konsortium aus Telekom, Ionos, SAP, Siemens und Schwarz zerbrochen ist. Der Bund hat 805 Millionen Euro zurückgelegt.

Quellen: KPMG · EQT zu Skandinavien · Stargate UAE · AGBI zu den Drohnenangriffen · GTAI zum Datenschutz · EU-Kommission · skill-sprinters · Bundestag hib

Was das für Dich in der Elektronik bedeutet

Der Strombedarf der KI ist für die deutsche Elektronikbranche eine Chance. Egal wo ein Rechenzentrum steht: Es braucht Leistungshalbleiter, Stromversorgung und Kühlung.

Die Leistung pro Serverschrank explodiert. Laut Infineon stieg sie in wenigen Jahren von 120 auf 500 Kilowatt. Vor 2030 soll sie die Megawatt-Grenze überschreiten.

Deshalb kommt 800 Volt Gleichstrom. Nvidia treibt den Umstieg voran, Infineon entwickelt die Stromversorgung mit. Höhere Spannung heißt weniger Strom, dünnere Leiter und geringere Verluste. Siliziumkarbid und Galliumnitrid sind dabei gesetzt.

Ein deutscher Hersteller profitiert bereits. Infineon erwartet mit KI-Rechenzentren im laufenden Geschäftsjahr rund 1,5 Milliarden Euro Umsatz, 2027 sollen es 2,5 Milliarden sein. Die neue Smart Power Fab in Dresden zielt genau auf diesen Markt.

Wenn Du arbeitest in …… dann achte auf
Entwicklung800-V-Architekturen, SiC und GaN, Lastsprünge im Rack
EinkaufLieferzeiten für Leistungshalbleiter, mögliche Allokation
GeschäftsführungStromkosten Deiner eigenen KI-Nutzung, Standort Deiner Cloud

Quellen: Börse Express zu Infineon · Silicon Saxony · drweb.de zu 800 Volt · Smart Power Fab Dresden

Randbedingungen für diesen Beitrag

Drei Sichtweisen auf den Standort

Die Aufholer sagen: Ohne eigene große Rechenzentren bleibt Deutschland Kunde der US-Konzerne. Wer KI-Kapazität nicht im Land hat, verliert Wertschöpfung, Fachkräfte und Souveränität. Deshalb braucht es bezahlbaren Strom, schnellere Netzanschlüsse und mindestens eine EU-Gigafabrik in Deutschland.

Die Pragmatiker sagen: Beim Training holen wir die USA nicht mehr ein, und das müssen wir auch nicht. Training kann im Norden Europas laufen, wo Strom billig und sauber ist. Deutschland sollte sich auf die Nutzung konzentrieren, auf souveräne Cloud und auf die Elektronik, die jedes Rechenzentrum braucht.

Was vorausdenkende KI-Anwender sagen: Die Entwicklung der Strompreise in Deutschland ist nicht absehbar. Wer seine Investitionen in KI-Anwendungen auf Dauer sichern will, sorgt heute schon vor.

Mein Standpunkt: Ich sehe die Wahrheit näher bei Pragmatikern und Vorausdenkern, mit einer Bedingung. Die Nutzung mit unseren Daten muss hier laufen, und dafür brauchen wir Strom zu Preisen, die mit Skandinavien mithalten. Das ist die eigentliche Lektion von der anderen Seite des Atlantiks.

Was Dich als KI-Anwender auf unserer Seite des Atlantiks betrifft: Als Anwender solltest Du heute bereits dafür sorgen, dass Deine KI-Investitionen auch morgen noch tragen. Wie das geht, zeige ich Dir in Teil 2.